Archiv für den Monat Mai 2016

Die Stimme Deutschlands

Das untenstehende Bild zeigt sympolisch den Zeitgeist der 1920er Jahre: Ein Mann bedient das Empfangs-gerät und das Volk tanzt nach seiner Melodie: Hundertprozentig gelungen ist das allerdings nur dem Gefreiten und Diktator A. Hitler.

Der Staatssekretär im Reichspostministerium Hans Bredow prägte bereits 1919 den Begriff RUNDFUNK. Er wurde zum Rundfunk-Kommissar ernannt. Am 19.Oktober 1923 bekam F. Weichard vom Telegraphentechnischen Reichsamt den Auftrag, aus Labormitteln einen Rundfunk-Sender für Berlin zu bauen. Innerhalb von 11 Tagen war der Sender fertig und am 2.10. 1923 im Voxhaus, Potsdamerstr. 4 aufgestellt. Es war der erste in Deutschland!
Nach wenigen Versuchssendungen wurde der neue „Unterhaltungs-Rundfunk“ am 29.9.1923 mit einer Ansprache von Staatssekretär Bredow eröffnet.

Voxhaus

Bild links: Das erste Funkhaus im Boxhaus
Bild rechts: Der Sender mit ca. 500 Watt Sendeleistung

 

erster Senderaum
Erstes Senderstudio im Voxhaus
Schon nach wenigen Jahren stellte sich heraus: Die Studios entsprachen nicht den modernen, schnell wachsenden Ansprüchen. Zur Jahreswende 1923/24 gab es rund 1500 gemeldete Hörer in ganz Deutschland. Die Räume in den oberen zwei Stockwerken wurden schnell zu klein und der Verkehrslärm zu laut. Die Frage eines großen Funkhauses wurde immer drängender. Man beschloss, das Angebot der Stadt Berlin, in der Nähe des Messegeländes in Witzleben ein Funkhaus zu bauen, anzunehmen.

GeländeübersichtGesamtübersicht des Geländes, das angeboten und wie zu sehen auch bebaut wurde.

Nun wurden Pläne gemacht für einen ganz besonderen Bau: Für ein modernes Funkhaus. Das dafür vorhandene Gelände, ca. 600 Meter vom Funkturm entfernt, entsprach der Form eines gleichschenkeligen Dreiecks. Eine Ausschreibung gewann der schon sehr bekannte Architekt Hans Poelzig aus Berlin. Bauherr war der Magistrat von Berlin und die Bauleitung vor Ort hatte ein Mitarbeiter von Poelzig, der Architekt Max H. Berling.

hans poelzig

Grundriss

Bild links: Der Architekt Hans Poelzig
Bild rechts: Sein genialer Entwurf (Grundriss) für das neue Funkhaus
Die feierliche Grundsteinlegung war am 29.Mai 1929. Unten seht ihr das Rundfunkprogramm für diesen Tag (und zugleich was die Menschen an diesem Tag sonst noch hörten).
Grundsteinlegung i.Radio
Aus der Bayerischen Radiozeitung

 

Grundsteinlegung Mai 1929
Reichspostminister Dr. Georg Schätzel bei seinem Hammerschlag

 

Festakt Grundsteinlegung
Prominenz am Festakt zur Grundsteinlegung

 

Baustelle 1 KopieBaustelle 2

Bild links: Fortschritte beim Rohbau
Bild rechts: Das Gebäude bekommt seine endgültige Form
Schon ein Jahr nach der Grundsteinlegung erfolgte die Rohbau-Abnahme. Am 22.Januar 1931 wurde das Haus des Rundfunks eingeweiht (und verfehlte dabei nur um vier Tage meinen Geburtstag).
Haus d. Rundfunks 1947_bearbeitet-2
Das Werk ist vollbracht. Im Vordergrund die Frontseite an der Masurenallee. Im Zentrum ist der Komplex Großer Sendesaal. Rechts und links die verschiedenen Studios.
Das HdR wurde im Stil der neuen Sachlichkeit entworfen. Ein massiver Ziegelbau mit Klinker- und Plattenverblendung. Der Frontbau, mit fünfgeschossigem Mittelteil und zwei viergeschossigen Seitenteilen, bilden zusammen mit zwei gekrümmten Randbauten, ein gleichschenkeliges Dreieck.
Der große Innenteil der Anlage umschließt den Studio-Komplex, der durch das umlaufende Bürogebäude gegen Straßenlärm geschützt wird. Die Fassade an der Masurenallee ist 155 m lang und 21 m hoch. Besondere Sorgfalt wendete Poelzig bei der Planung der Senderäume, besonders des großen Sendesaals an. Hier ging es um die Akustik des Raumes. Die Studios bekamen eigene Fundamente und es gab keine Berührung mit anderen Gebäudeteilen.
Vor der Freigabe für öffentliche Veranstaltungen, wurden acht Versuchs-Veranstaltungen durchgeführt. Es war zu diesem Zeitpunkt der größte Sendesaal der Welt. Die Maße: 47,50 m Länge, 33 m mittlere Breite und lichte Höhe 12 m. Das Podium für die Musiker hatte 13 m Tiefe und hintere Breite 18 m. Für das Publikum standen 1100 Sitzplätze bereit. Auf der Bühne gab es noch 200 Plätze für Musiker und Mitwirkende. Insgesamt ein beeindruckender Entwurf.
Der Architekt Hans Poelzig, der weder auf große Vorbilder noch auf einschlägige Erfahrung blicken konnte, löste seine Aufgabe im Stile eines genialen Baumeisters.
Wenige Tage vor der Einweihung formulierte Albert Einstein auf dem Messegelände der Funkausstellung folgende Gedanken:
„Was den Rundfunk anbelangt, so hat er eine einzigartige Aufgabe zu erfüllen im Sinne der Völkerversöhnung. Bis auf unsere Tage lernen die Völker einander fast ausschließlich durch den verzerrenden Spiegel der Tagespresse kennen. Der Rundfunk zeigt sie einander in lebendigster Form und in der Hauptsache von der liebenswürdigsten Seite. Er kann dazu beitragen, das Gefühl gegenseitiger Fremdheit auszutilgen, das so leicht in Misstrauen und Feindseligkeit umschlägt.“

Bild links: Einstein am Mikrofon
Bild rechts: Ein Sprecher im Studio
einweihung konzert
Eröffnungskonzert im großen Sendesaal
Bisher achtete der Rundfunk auf Unabhängigkeit von der Parteipolitik und wollte auch weiterhin überparteilich bleiben. Doch die Politik sorgte selbst dafür, dass das nicht so blieb. Mitte 1932 beschloss die Regierung Papen eine „Neuordnung des Rundfunks“. Eine Politisierung des Rundfunks wurde eingeleitet. Der Rechtsradtikalen NSDAP gelang es als erstes Gregor Strasser vors Mikrofon zu bringen. Auch Goebbels sprach vom HDR zum ersten male über alle deutschen Sender.
Fackelzug30.1.33_bearbeitet-1
Hitler am Fenster der Reichskanzlei- Nazi-Anhänger formieren sich zum Fackelzug
Hier bahnt sich das Ende des demokratischen Rundfunks an
Während sich die braunen Parteigenossen zum Fackelzug formierten, fiel ihrem „Gaufunkwart“ auf, daß Millionen deutscher Männer und Frauen von diesem Erlebnis ausgeschlossen waren: Sie waren auf den „Dreiminutenbericht des Berliner Judenrundfunks“  angewiesen (das war ihre Sprache). Er fuhr zum Haus des Rundfunks und erzwang vom Intendanten, dass eine Mikrofonanlage zur Reichskanzlei gefahren wurde und eine Reportage über alle deutschen Sender lief. Die Nazis betrachteten den Rundfunk ab sofort als ihr Eigentum.
Mit brutaler Gewalt bringen die Nazis den Rundfunk in ihren Besitz
Bereits am 30.Januar bot Dr. Bredow dem Reichspostminister seinen Rücktritt an. Am 1.4. 1933 übernahm Goebbels die Zentralgewalt über den Rundfunk. Er verkündete:
„Der Rundfunk gehört uns – niemanden sonst.“
Alle Sendegesellschaften wurden nun Reichssender und unterstanden ihm.
Die bisherigen Führungskräfte des Berliner Rundfunks wurden ohne Verfahren ins KZ Oranienburg verschleppt. Aus dem Prozess, den die Nazis ihnen anhängten, gingen alle die das Haus des Rundfunks geplant, gebaut und eingerichtet hatten, nach fünf Jahren makellos hervor.
im KZ Kopie
Die Rache der Nazis: Ab ins Konzentrationslager
Das Haus des Rundfunks wurde nun die Kommandostelle für den gesamten deutschen Rundfunk, ab 1938 „Zentrale des Großdeutschen Rundfunks“. Seine Stimme hieß nun Deutschlandsender (deshalb der Titel dieses Blogbeitrages „Die Stimme Deutschlands“).
Bilder oben: Kinderstunde im Deutschlandsender
Bilder unten: Die bekannteste Sendung im Rundfunk: Das Wunschkonzert


Der Untergang der verbrecherischen Diktatur begann mit einer Rundfunkdurchsage am Morgen des 1. September 1939 aus dem Sprecherraum den ihr unten seht:
„Ab 4:45 wird zurückgeschossen“
In dieser schicksalhaften Minute begann der Feuerschlag der deutschen Artillerie den deutsch-polnischen Krieg. Damit war nichts mehr wie es vorher  war. Anfangs kamen täglich Sondermeldungen aus dem oben gezeigten Studio. Doch nach einigen Jahren war damit Schluss, wie auch mit dem Wunschkonzert. Da musste der Sprecher zu oft schockierende Durchsagen sprechen: „Über Hannover-Braunschweig starke Bomberverbände im Anflug auf Berlin“.
Als im April 1945 die Russen vor Berlin standen, wurde Korvettenkapitän Schwich zum Kommandanten des Funkhauses ernannt. Goebbels gab den Befehl die Reste des Schallarchives wegzuschaffen und das Haus zu sprengen. Schwich unterließ beides. Am 1. Mai kam der Befehl das (relativ unbeschädigte) Haus zu räumen und die technischen Anlagen zu zerstören. Auch dieser Befehl wurde nicht ausgeführt. Am Abend des 1. Mai verließen die letzten Soldaten die „Festung Haus des Rundfunks“.
Schon am nächsten Morgen um 9:50 Uhr besetzten die Russen das Haus. Der Kommandeur der ca. 200 Mann, Major Popow, kannte sich im Hause gut aus. Er hatte hier von 1931 bis 1933 als Techniker gearbeitet. Er sorgte dafür. dass bereits am 19. Mai mit Hilfe eines Ü-Wagens vom Sender Tegel wieder Nachrichten und Aufrufe gesendet werden konnten.
Am 13. Mai begann der neue regelmässige Sendebetrieb. Die Russen setzten den KPD-Mann Hans Mahle als Indendanten ein. Nun entstand die kuriose Situation, dass ein unter russischem Kommando stehender Sender in der britischen Zone stand. Die Russen wussten natürlich, dass das nicht gut gehen konnte. Es begann die Demontage im Funkhaus. Wichtige technische Einrichtungen und das Schallarchiv wurde verladen und in den Osten gebracht. Das HDR wurde regelrecht entkernt, das Personal setzte sich zum Teil ab. Ein Augenzeuge erzählt: Alles was man mit einem Gewehrkolben zerschlagen konnte, wurde kaputt gemacht. Die letzten 42 Angestellten und Techniker aus dem Ostsektor verließen am 9.Juli 1952 das Haus. Zurück blieb ein russisches Wachkommando von ca. 15 Soldaten, die alle 14 Tage abgelöst wurden. Nach 4 Jahren war das Haus in einem ruinösem Zustand
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Das Funkhaus wird von den Engländern bewacht.
Im amerikanischen Teil der Stadt entstand der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ (RIAS). Am 5.Juli 1956 wurde bei einer Besprechung im russischen Hauptquartier in Karlshorst eine Vereinbarung beschlossen: Der Senat übernimmt das Gebäude unentgeldlich. Die Bewachung wird nach Unterzeichnung sofort aufgehoben. Am Nachmittag des gleichen Tages erfolgte die Schlüsselübergabe um 16:15 Uhr.
Übergabe
Bild oben: Schlüsselübergabe durch Oberst Kostuba
Bilder unten: Aufräumarbeiten nach Abzug von Barbaren

Aufräumen 2
Aufräumen 1

Mit unendlich viel Arbeit wurde das Haus baulich und technisch ertüchtigt. Der neue Hausherr hieß nun SFB und seit dem 29.November 1957 leuchtete vom Dach des Frontbaues:

SENDER FREIES BERLIN

               Heute ist hier der Radio Berlin Brandenburg RBB  zu Hause

Im Jahre 2014 war ich das letzte mal im Haus des Rundfunks. Ich war, wie immer, tief beeindruckt von der spürbar geschichtlichen Atmosphäre und konnte mich nur schwer von dem Haus trennen. Zum Schluss einige Bilder von diesem Besuch:

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Bilder vom großen Lichthof. Die Treppen führen nur zum 1.Stock

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Der sehenswerte Paternoster (nicht mehr in Betrieb)

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Im Lichthof auch eine Dokumentation zur Geschichte des Hauses
Damit, liebe Freunde, wieder einmal „Auf Wiedersehen“.
Vielen Dank, dass ihr meinen Blog hin und wieder besucht.  Alles Gute wünscht euch  Ludwig.

Meine Quellen: Das Haus des Rundfunks von Fritz Lothar Büttner (Buchreihe des SFB; Tonspuren von Wolfgang Bauernfeind (Herausgegeben vom RBB) und eigene Quellen.

 

 

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